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"Weltweit führender" Wortschaum - Informationstechnik-Branche auf semantischen Irrwegen


Bonn - Seit nahezu fünf Jahren sieht sich die Fachpresse für Informationstechnik (IT) mit einem besorgniserregenden Trend konfrontiert: "Sie wird überflüssig", konstatiert Peter Welchering von Media01, einer Produktionsgesellschaft für elektronische Medien. Tageszeitungen mit ihren anwenderorientierten Serviceseiten, spannende Formate in den elektronischen Medien und fundierte Berichte in den Wirtschaftsblättern drängen die IT-Fachmedien in die Enge. Welchering erkennt allerdings kein Umdenken bei den Blattmachern. "Entweder wird trockene Technik beschrieben, die keiner lesen mag, oder es werden hochtrabende Marketingbotschaften der Hersteller gedruckt, die keiner glauben mag". Die aktuelle Nachricht, die spannende wirtschaftliche Entwicklung, der aufsehenerregende gesellschaftliche Trend müssten stärker im Vordergrund stehen. Leser, Hörer oder Zuschauer verlangten Orientierungswissen", schreibt Welchering in der Publikation IT-Journalist, eine Beilage der Zeitschrift "Wirtschaftsjournalist" http://www.wirtschaftsjournalist-online.de.

Das sollte auch in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der IT-Unternehmen zu Konsequenzen führen. Pressemitteilungen sind kein billiger Ersatz für Marketing, Werbung und Vertrieb. Mit Formulierungen wie "der weltweit führende Anbieter" (ein Klassiker in fast jeder Pressemitteilung) oder "mit unserer neuen Applikation wollen wir uns auf neue Kundensegmente fokussieren" bewirkt man in den Redaktionen nur ein müdes Lächeln. In Bilanzpressekonferenzen, Broschüren, Pressemitteilungen und Vorstandserklärungen wird zu häufig mit Leerformeln gearbeitet. "Wettbewerbstool mit Fokussierung der Komponenten der Implementierungsbreite", meldet ein Unternehmen der Informationstechnik. Bei "variable Sequentierungsstrukturen und deren hardwareunterstützte Realisierung" legen sich selbst Fachleute die Karten. Harmlos klingt da noch der tägliche Wortschwall: Man müsse sich neu aufstellen, umstrukturieren, aufs Kerngeschäft fokussieren, Synergien nutzen, effizient und effektiv an seinem Alleinstellungsmerkmal arbeiten. Diese Erklärungen sind leider kein Alleinstellungsmerkmal.

"Journalisten lieben Kontroversen und dezidierte Meinungen", schreibt der Unternehmensberater Rainer Zitelmann http://www.zitelmann.com in seinem Buch "Die Macht der Positionierung". Zu recht reagierten Medien gelangweilt auf belanglose Statements wie etwa "Wir setzen konsequent auf Qualität und wollen immer besser den Interessen unserer Kunden dienen". Medien berichten sehr gerne über Trends. "Die Einordnung einer konkreten Nachricht in einen Trend ist auch deshalb wichtig, weil der Journalist nur mit diesen Argumenten in der Lage ist, intern, also in der Redaktion, ein Thema zu 'verkaufen'. Oft entscheidet der Journalist nicht alleine, ob er ein Thema bringen kann oder nicht, sondern dies wird auf der Redaktionskonferenz, im Ressort oder durch den Chefredakteur entschieden", so Zitelmann, der vor seiner Beratertätigkeit Redakteur der Tageszeitung Die Welt war. Zum Top-Thema IT-Sicherheit reicht es nicht aus, den Schutz kritischer Infrastrukturen des Unternehmensnetzwerkes anzumahnen oder eine Sensibilisierung des Sicherheitsbewusstseins zu fordern. "Wenn Leitrechner für die Stromverteilung ausfallen, die Bordsoftware mitten auf der Autobahn den Wagen von 190 auf null 'herunterfährt' oder der Tankcomputer eines Passagierjets den Kerosin-Bedarf falsch berechnet, dann wird das Thema IT-Sicherheit auch für nicht an Informationstechnik interessierte Laien hautnah erlebbar". Spätestens dann will man von Unternehmen aufgeklärt werden und verlangt von Experten detaillierte und belastbare Informationen.

"Die Reden und Kommentare von Wirtschaftsführern, Geschäftsberichte und Pressemitteilungen stehen allzu häufig mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Die Folge ist, dass man wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit schon deshalb nicht erklären kann, weil es an der Sprachkompetenz mangelt, das heißt, an der Fähigkeit, Sachverhalte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades in schlichten Worten auszudrücken", so der FAZ-Autor http://www.faz.net Erhard Glogowski. Statt ständig zu kommunizieren, wie innovativ doch das neue Produkt sei, sollten Firmen lieber so konkret wie möglich erklären, worin die Innovation besteht. Bei IT-Unternehmen wimmelt es von Bekundungen wie "Kundenorientierung", "kompetente Teams", "innovative und maßgeschneiderte Lösungen", oder "anwenderorientierte Applikationen". "Eigenartigerweise machen sich die Verfasser dieser Statements offenbar keine Gedanken über die Wirkung auf den Leser. Wenn Manager nach einem Rezept suchen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die Firmenmitteilungen ungelesen in den Papierkorb wandern, dann sollten sie möglichst häufig diesen Wortschaum verwenden", so Zitelmann.

Doch auch in anderen Branchen ist Bla-Bla angesagt. Der willkürliche "Griff" in die Google-Kiste führt einem dann Absonderliches vor Augen. Zitat aus einer x-beliebigen Pressemitteilung: "Neue Top Management Struktur für EMEA - Initiative Media organisiert sich international neu und entwickelt eine neue Management Struktur für Europa, den mittleren Osten und Afrika (EMEA). Das verkündete Philippe Bernard, President EMEA. Demnach wird es künftig ein European Executive Board geben, was als oberstes Führungsorgan in der Region fungieren soll. Die Mitglieder des Boards setzen sich aus dem Top Management von Initiative zusammen. Das Board wird ein Regional Committee und ein Operations Committee steuern." Obwohl diese Meldung nicht mehr ganz "neu" ist, kommt der Begriff zu Beginn gleich drei Mal vor. Und Philippe Bernard "verkündet" sogar; vielleicht ist er ja Priester, denn die Angehörigen dieses Berufsstandes verkünden in der Kirche das Wort Gottes. Eine Pressemitteilung ist leider – wie hier demonstriert – nicht immer eine "Frohe Botschaft".

"Neu gegründet wurde außerdem das Operations Committee, das die internationale Einführung der besten Markenentwicklungen der Agentur gewährleisten soll. Jedes Mitglied wurde wegen spezieller Fähigkeiten und Talente ausgewählt", liest der nicht mehr so geneigte Leser ein paar Zeilen weiter und reibt sich verdutzt die Augen: Mitarbeiter werden wegen besonderer Fähigkeiten oder Talente ausgewählt? Der Nachrichtengehalt liegt hier bei Null. Würde Real Madrid in einer Pressemitteilung "verkünden", dass Michael Ballack verpflichtet worden sei, weil er so ein guter Fußballspieler sei? Wohl kaum. Das versteht sich nämlich von selbst. Für "weitere Informationen" steht die zuständige PR-Managerin Christiane Bußhoff von Initiative Media http://www.inimedia.com zur Verfügung. Vielleicht bekommt man nach dieser so genannten Pressemitteilung dann endlich seine Informationen, die beim Lesen so schmerzlich vermisst wurden.


Quelle: medienbüro.sohn / pressbot.net

Ihr Ansprechpartner:

Firma: medienbüro.sohn
Name: Gunnar Sohn
Straße: Ettighofferstr. 26a
Stadt: - 53123
 
 
 
WWW: http://www.ne-na.de
E-Mail:

09.01.2006 - 9:47 Quelle: pressbot.net | Gelesen: 307 X