Zweierlei Konservatismus in der Welt – Eva wird sich von Adam nicht überzeugen lassen
Bonn/Berlin – In Deutschland hat der Konservatismus ein schlechtes Image. Viele verbinden mit dem Begriff das Festhalten am Bewährten oder im schlimmeren Fall sogar Rückschrittlichkeit. Konservative Intellektuelle können mit der Lupe gesucht werden. Und es gibt keinen Politiker mehr von Format in diesem Land, der als konservativ wahr genommen wird. Daher ist es um so begrüßenswerter, wenn sich ein kluger Kopf wie der Londoner Korrespondent der Tageszeitung Die Welt http://www.welt.de, Thomas Kielinger, mit dem konservativen Phänomen beschäftigt. Viele Konservative und noch mehr Rechte sind oft weinerlich und stilisieren sich gerne als Opfer der bösen Mächte, die natürlich links sind. Wer stets als Opferlamm daherkommt, muss nicht mehr mit eigenen Ideen glänzen. Konservative sind nämlich häufig denkfaul, larmoyant und defensiv.
Wohltuend, wie sich Kielinger von solcher Selbstgerechtigkeit und Schneckenhaus-Attitüde abhebt. Seiner Meinung nach geht die „Schwäche der konservativen Position vielfach auf Selbstschwächung zurück, mehr noch als auf Diskriminierung seitens der political correctness“. Daran werde sich auch nichts ändern, solange der Konservative nicht einen Waffenstillstand schließt mit dem Heute. Besser sei es jedoch, wenn er „sich in der Sache auf die Seite der Zukunft schlägt“. Dies sei keine taktische Empfehlung, nur mit den Wölfen zu heulen. Vielmehr sei dies ein Essential und eine existentielle Notwendigkeit. Viel zu lange schon hätten die „Bekehrten von Links“, etwa Tony Blairs New Labour, Zukunft monopolisiert als ihr Revier, ihren Besitzstand.
Die Konservativen hielten sich derweil im Hinterland auf: „Dem hatten die Konservativen wenig mehr entgegenzusetzen, als nach Dämmen zu rufen gegen den Verfall der Sitten und des sozialen Zusammenhalts. Heute müssen sie erleben, dass auch Labour diese Bedrohung erkannt hat und zu neuem Respekt für die zivilen Grundtugenden auffordert.“ Die Konservativen in Großbritannien argumentierten mittlerweile „sozialdemokratisch“, während Labour sich „wertkonservativer denn je“ gebe. Und in Deutschland? „Von Leuchtfeuern der Begeisterung keine Spur. Das haben ‚kleine Schritte’ so an sich. Dabei fehlt es an Modernisierung, in den Köpfen und den Strukturen“, schreibt Kielinger. Zum Konservativsein gehöre aber auch immer die Fähigkeit, Ballast abzuwerfen. Die konservative Klage über den Verlust der Familienwerte sei oft nur ein „antimodernistischer Schleiertanz“. Die berühmten Werte erholten sich nicht, wenn man den Frauen die schwere Doppelbürde von Familie und Beruf nicht erleichtere, etwa durch die Einführung von Ganztagsschulen.
Eine Kolumne tiefer zeigt aber der konservative Vorzeige-Intellektuelle Konrad Adam, dass Kielingers Credo offenkundig bei ihm noch nicht eingetroffen hat und manche immer noch ganz gern den antimodernistischen Schleiertanz pflegen. Als Leser hat man immer den Eindruck, Adam trauere den Zeiten nach, als er noch in den Diensten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) http://www.faz.net stand und sich auf der inzwischen eingestellten Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ austoben durfte. Die Themen haben sich nicht verändert; allerdings hat Adam heute wesentlich weniger Platz dafür, seinen tiefen Vorbehalten gegen berufstätige Frauen, die so genannte Sozial- und Familienpolitik oder die Verfasstheit der Europäischen Union zu artikulieren.
In seiner Kolumne mit dem Titel „Politik in der Kunstwelt“ nimmt er sich die Volksvertreter vor. Dies ist aber nur der Vorwand für den leicht unentspannt argumentierenden Publizisten, sich die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin zur Brust zu nehmen. Dass diese jung und für eine Politikerin außergewöhnlich attraktiv ist, macht sie eventuell noch zu einer lohnenderen Zielscheibe. Es scheint bei Konrad Adam sehr tief zu sitzen, dass sich die smarte Liberale in einem Leserbrief kritisch mit seinen politischen und weltanschaulichen Positionen auseinandergesetzt hatte. Und so polemisiert er noch einmal gegen die Dame, die sich doch tatsächlich hochschwanger halb entblößt gezeigt habe. Dies sei geschmacklos und habe mit dem Alltag der Menschen so wenig zu tun wie die Einkommensverhältnisse, „deren sich diese Frau in ihrer Eigenschaft als Abgeordnete erfreut“. Grund der Adamschen Erregtheit war wohl der Vorwurf Koch-Mehrins, dieser habe vom Alltag der normalen Leute keine Ahnung. Letztlich nimmt der Autor Koch-Mehrin nicht als Politikerin ernst oder hadert mit ihren Ideen, ihn fuchst ihr Stil und die Tatsache, dass sie ihn „angegriffen“ hat.
Zwei Kommentare auf einer Seite der Welt, zwei konservative Weltbilder. Hier der brillante Stilist Kielinger, der den Muff aus dem Konservatismus hinausbefördern möchte. Dort der immer etwas miesepetrig erscheinende Adam, der dem Lauf der Dinge eigentlich nichts Positives abzugewinnen mag. Der Leser entscheidet, welches Modell er für attraktiver hält: das offensive Modell des Konservatismus, das sich für Fortschritt, Optimismus und Bejahung der Gegenwart ausspricht. Oder die andere Variante, die sich zumeist in Klagen darüber erschöpft, was in diesem Lande alles schief läuft. Frauen werden in den gesellschaftspolitischen Debatten eine immer stärkere Rolle spielen. Doch Eva wird sich von Adam nicht überzeugen lassen, so könnte man kalauern. Schade nur, mag manch einer denken, dass auch die neue Kanzlerin Angela Merkel sich von ihren Vorgängern kaum unterscheidet und den Schritt in die Moderne nur im Wahlkampf beschworen hat. Jetzt amtiert sie als sozialdemokratisierte Überkanzlerin einer Großen Koalition, sammelt im Ausland Pluspunkte und verschiebt die Lösung der Modernisierungsfragen (Rente, Gesundheit, Arbeitsmarkt) auf morgen und übermorgen. Und dann regiert wahrscheinlich wieder ein Mann.
Quelle: medienbüro.sohn / pressbot.net
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24.01.2006 - 0:00 Quelle: pressbot.net | Gelesen: 168 X
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