Ein Forum der Perspektiven
23.06.2005 - Bauern diskutieren über Perspektiven auf den Agrarmärkten
Die Diskussionsforen, die der Deutsche Bauernverband (DBV) auf dem Deutschen Bauerntag in Rostock durchführte, waren von der Diskussion über die zukünftige Entwicklung der Politik und der Märkte im Jahr eins der EU-Agrarreform geprägt. Die rund 800 Delegierten der 18 Landesbauernverbände und 46 assoziierten Verbände sowie zahlreiche Junglandwirte diskutierten in fünf Foren mit führenden Unternehmern, Wirtschaftsexperten, Politikern und Praktikern. Die Perspektiven auf den Märkten für den Ackerbau, für die Veredlung, für die Milchwirtschaft, für Regional- und Ökoprodukte sowie für Obst und Gemüse wurden dabei eingehend analysiert.
Das Ackerbauforum stand ganz im Zeichen von Vorwärtsstrategien. Entschieden forderten die Ackerbauern von der Politik verlässliche Rahmenbedingungen, um die Märkte aktiv besetzen und deren Potential vollständig erschließen zu können, betonte DBV-Vizepräsident Heinz-Christian Bär. Aufgrund der Unsicherheiten auf den globalen Märkten müssten sich die Betriebe nun zunehmend diesen Herausforderungen stellen.
Eine heiße Diskussion wurde in der Debatte über die Reform der Zuckermarktordnung und die WTO-Verhandlungen geführt. So befürchten die Rübenbauern massive Einkommenseinbrüche, die durch einen betriebsindividuellen Direktausgleich ausgeglichen werden müssen. Mary Ann Normile aus der Forschungsabteilung des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums berichtete von den möglichen Folgen der WTO-Verhandlungen für Amerika und die EU. Als Beispiel beschrieb sie die Folgen der Zuckermarktordnung für amerikanische Bauern. Der Vorstands-Vorsitzende von Nordzucker, Dr. Ulrich Nöhle, ging in seinem Vortrag näher auf die möglichen Konsequenzen des Kommissionsvorschlages zur EU-Zuckermarktordnung ein.
Welche Änderungen der Getreidevermarktung künftig notwendig sind, thematisierte Dr. Klaus Schumacher vom Getreidehandelshaus Alfred C. Töpfer International. Dr. Jörg Rothermel, Vorstandsvorsitzender der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR), zeigte die Potentiale der nachwachsenden Rohstoffe auf. Aus Sicht der Wissenschaft legte Prof. Dr. Jürgen Zeddies von der Universität Hohenheim die Stellung des deutschen Ackerbaus im internationalen Kontext dargelegt. Abschließend hat der frühere Jungbauern-Präsident Dirk Detlefsen seine Hofkontor AG als "Zukunftsmodell" und "Farmmana-gementsystem" vorgestellt.
Im Forum zur Veredlungswirtschaft, wurde die Frage behandelt, wie Investitionen und Innovationen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht werden können. Frank Rentsch, Vizepräsident des DBV, sprach sich für einen unverzerrten Wettbewerb für die deutschen Tierhalter aus. Die nationale Politik dürfe nicht über Markthemmnisse wie eine einseitige Verschärfung der EU-Vorgaben zum Beispiel bei der Tierhaltungsverordnung unternehmerische Leistungen zerstören. Auch müsse die Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette mit den Landwirten besser werden, um schneller auf die Anforderungen des Marktes reagieren zu können, stellte Prof. Dr. Achim Spiller von der Universität Göttingen fest.
Experten zeigten aus Sicht der Schlachtstufe, der Landwirtschaft, der Futtermittelwirtschaft, der Zuchtunternehmen und ebenso aus Sicht der jungen Generation ihre Vorstellungen der Zukunft der Tierhaltung am Standort Deutschland sowie sinnvolle Strategien zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Veredlungswirtschaft auf. Trotz teilweise un-terschiedlicher Interessenslage waren sich Dr. Helfried Giesen, geschäftsführender Vorstand der Westfleisch e.G., Franz-Josef Holzenkamp, Vizepräsident des Landvolkes Niedersachsen, Dr. Heinz Roling, Geschäftsführer der team agrarhandel, Dr. Conrad Welp, Geschäftsführer der Züchtungszentrale Deutsches Hybridschwein GmbH und der Junglandwirt Michael Kühling einig, dass die deutsche Veredlungswirtschaft gut aufgestellt ist. Damit die Kette der Veredlungswirtschaft sich weiterhin trotz verändernder Rahmenbedingungen im Wettbewerb behaupten könne, müsse die Politik sich von nationalen Sonderwegen im Tier-, Umwelt und Verbraucherschutz abkehren, forderten die praktischen Landwirte.
Im Forum für Milch wurde aus Sicht des Handels, der Molkereien, des Bauernverbandes und der Politik die Frage behandelt, welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, damit die Milchproduktion auch bei einem Wechsel hin zu einer liberalen Marktwirtschaft in Deutschland bestehen. Otto Dietrich Steensen, DBV-Vizepräsident, forderte endlich verlässliche Rahmenbedingungen für die deutsche Landwirtschaft und ein Ende der "Reform"-Politik zu Lasten einer wettbewerbsfähigen Milcherzeugung. Um das gemeinsame Ziel, faire Preise auf allen Produktionsstufen zu erreichen, müssten auch die Vermark-tungsstrukturen der Molkereien im Hinblick auf die übermächtige Marktmacht der Discounter effizienter gestaltet werden. Parallel dazu müssten aber auch die aktiven Milcherzeuger auf die sich verändernden Rahmenbedingungen reagieren, unter anderem durch eine Reduzierung der Quotenüberlieferung.
Hermann Versteijlen, Abteilungsleiter Milch der EU-Kommission, vertrat die Meinung, dass besonders in den anstehenden WTO-Verhandlungen durch die Öffnung der Märkte und den Abbau der Exporterstattungen die Preise für Milchprodukte und letztendlich der Milchpreis erheblich unter Druck gesetzt würden. Die strategischen Ausrichtungen eines internationalen Milchkonzerns erläuterte Wim Krol vom Unternehmen Campina. Nach Aussage von Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, haben die bundesweiten Aktionen der Milcherzeuger in den letzter Zeit bei den Discountern und dem Lebensmitteleinzelhandel große Beachtung gefunden. Allerdings würde der Lebensmitteleinzelhandel auch weiterhin nach rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten reagieren. Besonders die Entwicklung neuer Produkte sei eine Chance, auf die veränderten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu reagieren. Albert Große Frie, Vorstandssprecher der zweitgrößten deutschen Molkerei, Humana Milch-Union, betonte, dass die Aktion der deutschen Milchbauern richtig sind, um ihre Situation in die öffentliche Diskussion zu tragen. Gleichzeitig machte er aber deutlich, dass die über die Quote hinaus produzierte Milch deutlich auf die Verwertungsmöglichkeiten der Molkereien und letztlich auf den Milchpreis drückt.
Kann man "Platz schaffen für Regionalität und Ökolandbau in globalisierten Märkten?", fragten sich die Experten aus Politik und Wirtschaft in einem weiteren Forum. Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker zeigte auf, dass die Globalisierung unaufhaltsam voranschreitet. Dies führt zu zunehmendem Wettbewerbs- und Preisdruck bei den deutschen Erzeugern, auch bei Regional- und Ökoprodukten, wie der DBV-Ökobeauftragte Dr. Heinrich Graf von Bassewitz, darlegte. Zwei Strategien, um dieser Entwicklung zu begegnen, sei eine höherwertige Vermarktung der deutschen Produkte und die Diversifizierung der Betriebe. Dafür müsse unter anderem das deutsche Bio-Siegel mit der Auslobung der deutschen Herkunft verknüpft werden. Ökolandwirt Josef Jacobi stellte das erfolgreiche Vermarktungskonzept "Erzeuger fair Milch" der Upländer Bauernmolkerei vor, bei dem die Verbraucher mit einem Preisaufschlag von 5 Cent pro Liter Milch direkt die regionale Erzeugung honorieren.
Jörn Johann Dwehus, Geschäftsführer CMA, sieht in der zunehmenden Handelsliberalisierung auch Chancen für die deutsche Agrarwirtschaft und die Position Deutschlands als viertgrößter Agrarexporteur der Welt weiter auszubauen. Ulrike Höfken, agrar- und verbraucherpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, hält einen Marktanteil von 30 Prozent bei regionalen Produkten für möglich. Sie skizzierte die Fortführung der deut-schen Agrar- und Verbraucherpolitik sowie neue Förderprogramme für die ländliche Ent-wicklung. Karl-Heinz Blum, Vorsitzender des Schutzverbandes Schwarzwälder Schinken-hersteller, stellte die Möglichkeiten der regionalen Herkunftskennzeichnung am Beispiel des Schwarzwälder Schinkens dar. Aus Sicht des DBV sollten alle Marktbeteiligten das gestärkte Heimatbewusstsein der Verbraucher ernst nehmen und die Möglichkeiten regionaler Herkunftsbezeichnungen stärker nutzen, forderte Norbert Schindler, Vizepräsident des DBV. An die Politik richtete er die Aufforderung, den Schutz regionaler Spezialitäten im WTO-Reglement festzuschreiben.
Die Tendenzen beim Obst- und Gemüsebau wurden ebenfalls in einem Fachforum aus Sicht des Lebensmitteleinzelhandels, der Politik und des Verbraucherschutzes diskutiert. Da immer mehr Handelspartner versuchen, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, werde es schwieriger, weitere Marktanteile zu gewinnen. Aus Sicht des Vorsitzenden des Bundesausschusses Obst und Gemüse, Gerhard Schulz, würden die Zukunftsmärkte immer komplexer, da viele Verbraucher erwarteten, dass alles Obst und Gemüse in frischer Form das ganze Jahr im Lebensmitteleinzelhandel zu kleinen Preisen in besten Qualitäten angeboten werde. Daher sei Ideenreichtum und Unternehmertum beim Anbau und in der Vermarktung entscheidend. Die Aussichten für den Anbau und Handel von Obst und Gemüse weltweit und in der EU zeigten Karl Dürbeck, Geschäftsführer der Anton Dürbeck GmbH, und Prof. Dr. Eberhard Makosz von der Universität Lublin/Polen auf.
Hans Jürgen Mattern von METRO erwartet von den deutschen Erzeugern weiterhin gro-ßes Engagement, um in Zeiten zu überleben, wo "Qualität und Preise zählen". Frau Prof. Dr. Edda Müller, Vorsitzende der Verbraucherzentrale Bundesverband, hob die gesundheitliche Relevanz bei Obst und Gemüse in der Ernährung hervor. Der Minister für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg, Dr. Dietmar Woidke, befasste sich mit dem Arbeitsmarkt und Saisonarbeitskräften, worauf eine emotionale Debatte über das zukünftig geltende Sozialversicherungsrecht für Saisonarbeitskräfte für die Obst- und Gemüsebetriebe entbrannte.
Ansprechpartner: Pressestelle Deutscher BauernverbandE-Mail: pressebauernverband.de
Quelle: DEUTSCHER BAUERNVERBAND (DBV) / pressrelations.de
24.06.2005 - 12:38 Quelle: pressrelations.de | Gelesen: 273 X

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