Berliner Umschau: "Die Leute sehnen sich nach Nadschibullah"
Gespräch mit Dr. Matin Baraki zur aktuellen Lage in Afghanistan
Als "neue Variante des Kolonialismus" bezeichnet der afghanische Politologe Matin Baraki die Politik des "Nation Building" in Afghanisten. In einem Gespräch mit der internetbasierten Tageszeitung "Berliner Umschau" (www.berlinerumschau.de) widerspricht er zudem der gängigen Sichtweise, der Krieg am Hindukusch würde im wesentlichen von der al Keida getragen. Vielmehr gebe es eine ganze Reihe von bewaffneten Organisationen, darunter solche, die von den Vereinigten Staaten früher als "Freiheitskämpfer" unterstützt und nun als "Terroristen" bekämpft werden.
Berliner Umschau: Herr Baraki, verglichen mit dem Irak ist Afghanistan etwas aus den Nachrichten verschwunden. Das hat sich in den letzten Tagen geändert, weil es seit Mittwoch mehr als 200 Tote - Taliban, Soldaten, Zivilisten - gegeben hat. Wie ist denn eigentlich die militärische und politische Lage in Afghanistan?
Dr. Matin Baraki: Die Taliban, al Keida und ihre Verbündeten, unter anderem Hekmatyar, haben ein Bündnis geschlossen nach dem Krieg im Irak und jetzt haben sie eine Frühjahrsoffensive eingeleitet , wobei sie in der Lage sind, auch US-amerikanische Hubschrauber abzuschießen, was sie auch gemacht haben in Nordost-Afghanistan.
B.U.: Über welche militärischen Mittel verfügen sie denn noch und was ist mit al Keida?
M.B.: Ja, ich glaube, es wird versucht, immer alles al Keida in die Schuhe zu schieben, weil das gut propagandistisch wirkt. Aber in der Tat gibt es natürlich in Afghanistan verschiedene Gruppierungen, die gegen die Besatzer kämpfen. Es gibt Leute, die unter dem Label al Keida kämpfen ,aber es gibt auch die Taliban und es gibt Hekmatyar, der ja mit al Keida nichts zu tun hat. Und es ist ja so, früher war Afghanistan das Zentrum der Ausbildung, die man früher „Freiheitskämpfer" genannt hat und seit dem 11. September „Terroristen", heute findet das im Irak statt. Die Leute -auch aus Afghanistan - werden in den Irak geschickt und dort ausgebildet und dann kommen sie zurück und kämpfen in Afghanistan gegen die Besatzungstruppen.
B.U.: Nur nach Afghanistan oder auch in andere Länder?
M.B.: Hauptsächlich nach Afghanistan, weil Afghanistan und der Irak sind die Schwerpunkte, besonders der Irak, weil man im Irak dem Westen, der NATO, den USA zeigen will, daß sie dort ihre Politik nicht weiter betreiben können. Egal wie man den afghanischen Widerstand im einzelnen einschätzen will, muß man doch die strategische Bedeutung dieses Kriegs sehen, weil dort den USA die Grenzen ihrer strategischen Möglichkeiten gezeigt werden. Die Lage im Irak hat das den Amerikanern ganz drastisch vor Augen geführt.
B.U.: In unseren Medien liest man ja immer wieder davon, daß die US-Intervention dem „nation building" diene, daß die Menschenrechte und auch die Frauenemanzipation vorangebracht werden solle. Was ist denn davon zu halten?
M.B.: „Nation Building" ist die neue Variante des Kolonialismus. Früher, in der ersten Phase des Kolonialismus, wollte man ja auch den zurückgebliebenen Völkern Zivilisation und Kultur bringen. Erst will man die Mudjaheddin und andere niederkämpfen und dann soll das „nation buildung" beginnen. Wenn Sie sich Afghanistan heute ansehen, dann ist es in vier Besatzungszonen unterteilt genau wie Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Afghanistan ist faktisch ein Militärprotektorat der NATO und der USA , die afghanische Regierung besteht zu 50 Prozent aus „Ameriko-Afghanen", der Rest sind „Euro-Afghanen und nicht mehr als zwei sind andere, der eine ist ein Monarchist und der andere ein Warlord, ein Heroinbaron, der jetzt „Minister für Energie- und Wasserwirtschaft" ist.
Das vollständige Gespräch finden Sie unter http://www.rbi-aktuell.de/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=17&idart=7235
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23.05.2006 - 9:34 Quelle: pressbot.net | Gelesen: 248 X