Noch passt der Geist nicht in die Maschine: Computerprogramme zur Übersetzung von Texten werden immer besser - Mensch ist bei professionellen Übersetzungen dennoch nicht ersetzbar
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Von Alexander Hauk, www.bayernnachrichten.de
Berlin/München/Bonn/Olching/Saarbrücken/Köthen (aha).Immer schneller und immer besser: Kein Jahr vergeht, ohne dass ein neues Computerprogramm zur Übersetzung von Sprachen auf den Markt kommt. Aber trotz jahrelanger Forschungsanstrengungen auf dem Gebiet der so genannten Maschinellen Übersetzung (MÜ) ist der Mensch als Übersetzer jedem Programm überlegen. „Eine perfekte Software wird es nie geben“, sagt Prof. Dr. Henning Lobin, erster Vorsitzender der Gesellschaft für linguistische Datenverarbeitung (GLDV) in Bonn. Der Großteil der etwa 250 Mitglieder des Verbandes sind Wissenschaftler, die auf dem Gebiet der MÜ forschen. Daneben gehören 30 Unternehmen der GLDV an. Vor allem die Mehrdeutigkeit der Wörter und unterschiedliche Grammatik-Regeln würden den Informatik-Experten schwer zu schaffen machen, berichtet Lobin.
Bislang regten maschinelle Übersetzungen eher zum Schmunzeln als zum Staunen an. So ist eine „Barzahlung“ keinesfalls ein „nightclub payment“ und wird als solches auch keinesfalls in einem von C. Martin Dunne übersetzten Geschäftsbrief auftauchen. Der gebürtige Engländer ist Inhaber von medax, einem Unternehmen mit Sitz im bayerischen Olching nahe München, das sich auf die Übersetzung medizinischer und pharmazeutischer Texte spezialisiert hat. Mit gemischten Gefühlen betrachtet Dunne die Entwicklung neuer und immer besserer Übersetzungsprogramme: „Auf der einen Seite erleichtern sie uns die Arbeit, andererseits haben wir deshalb unsere Preise seit Jahren nicht mehr angehoben.“ Die medax-Mitarbeiter setzen, wie viele ihrer Kollegen, die beiden Programme „Trados“ und „Personal Translator“ ein. Als Bedrohung für seinen Berufsstand empfindet Dunne die elektronischen Helfer dennoch nicht: „Auch künftig wird immer, vor allem in Spezialgebieten wie zum Beispiel der Medizin, eine Überarbeitung durch den Menschen erforderlich sein.“
Militärische Interessen
Die Idee, Sprachen mit Computern zu übersetzen, ist fast so alt wie die Rechenmaschinen selbst. Von Anfang an trieben dabei vor allem militärische Interessen die Forschung an. Um geheimdienstlich gesammelte Informationen nutzbar zu machen, gelten Computer seit jeher als geeignetes Hilfsmittel. Auf den ersten Blick scheint die Aufgabe wie geschaffen für einen Rechner: In einer Datenbank sucht er Wort für Wort nach den Entsprechungen der eingegebenen Vokabeln und spuckt schließlich den übersetzten Text aus.
Doch schon früh mussten die Computerlinguisten einsehen, dass Sprache mehr ist als die Aneinanderreihung von Wörtern. „Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass das größte Problem das Missverständnis ist, dass mathematische Logik auch für die Sprachlogik gelte“, berichtet Johann Amkreutz, Präsident des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) in Berlin. Dem BDÜ gehören bundesweit rund 5300 Dolmetscher und Übersetzer an, die in 13 Mitgliedsverbänden organisiert sind.
Nach einer anfänglichen Euphorie in den 50er Jahren machte sich unter Wissenschaftlern und Programmierern schnell Katerstimmung breit. Der vom amerikanischen Verteidigungsministerium in Auftrag gegebene ALPAC-Bericht bescheinigte der Maschinellen Übersetzung 1966 gar grundsätzliche Unrealisierbarkeit. Als Folge davon kam die Forschung für zwei Jahrzehnte nahezu zum Erliegen. Erst mit dem Aufkommen leistungsstarker Computer in den 80er Jahren wurden die Arbeiten an der MÜ wieder aufgenommen.
Forschungszentrum Saarbrücken
Nach Angaben von Prof. Dr. Henning Lobin beschäftigen sich im Moment bundesweit rund 20 Professoren mit Computerlinguistik und Sprachforschung, darunter etwa fünf im Bereich der maschinellen Übersetzung. Ein Zentrum dieser wissenschaftlichen Forschungen ist die Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Hier ist Prof. Dr. Johann Haller Inhaber des Lehrstuhls Maschinelle Übersetzung. Aktuell arbeitet er an mehreren Projekten zur Sprachkontrolle: „Wenn man mit Computerprogrammen Übersetzung rationalisieren und unterstützen will, muss man den gesamten Arbeitsablauf unter die Lupe nehmen und bereits bei der Erstellung der Quelltexte auf Korrektheit, Verständlichkeit und den Zusammenhang und entsprechenden Stil achten“, so Haller.
Eine ähnliche Ansicht hat Prof. Dr. Franz Guenthner, Ordinarius für Computer-Linguistik an der Maximilians-Universität in München. „Die heutigen Übersetzungsprogramme könnten viel besser sein, wenn man mehr sprachliche Eigenheiten, wie etwa Redewendungen schon während der Programmierung berücksichtigen würde.“ So verliere zum Beispiel der Ausdruck „Kalter Kaffee“, der so in keinem Wörterbuch zu finden sei, bei einer wortwörtlichen Übersetzung seine eigentliche Bedeutung. Dafür sei eine langfristige, teure und gut koordinierte Entwicklungsarbeit notwendig, so Guenthner. Die Europäische Union mit ihrem Übersetzungssystem Systran sei in diesem Zusammenhang ein Vorbild: „Häufig wiederkehrende Ausdrücke wurden dem System von menschlichen Übersetzern erfolgreich angelernt“, berichtet Guenthner. Der Informatik-Experte schätzt, dass es in etwa 30 Jahren Übersetzungsprogramme geben wird, die besser arbeiten als ein Mensch: „Ihr Vorteil wird hauptsächlich in ihrer Schnelligkeit liegen.“
Mit verschiedenen Übersetzungsmethoden versuchen Sprachwissenschaftler und Computerexperten die harte Nuss zu knacken. Neben der so genannten direkten Maschinellen Übersetzung, bei der Wort für Wort des Quelltextes in der gleichen Reihenfolge in die Zielsprache übertragen wird, wenden Forscher zum Beispiel die Transfer-Methode an. Bei dieser klassischen MÜ-Methode analysiert das Programm zunächst die grammatikalische Struktur des Quelltextes. Danach werden Wörter und grammatische Regeln in die Zielsprache übertragen und ein neuer Text erzeugt.
Eine Methode kommt gar ohne Kenntnisse der beteiligten Sprachen aus: Die so genannte statistische Übersetzung baut auf einem möglichst großen Angebot von zweisprachigen Texten, etwa der Bibel, auf. Mit Hilfe dieser Quelltexte extrahiert das Programm bei der Übersetzung eines neuen Textes ein Wörterbuch und Grammatikregeln. Auf dieser Basis wird dann der Text übersetzt.
Noch haben alle Übersetzungsmethoden und Programme viele Probleme, vor allem im lyrischen Bereich. Hier spielt die Schönheit, der Stil der Sprache eine besondere Rolle. Ein Beispiel aus Goethes Werk Faust: Den verzweifelten Ausspruch Fausts „Da steh ich nun, ich armer Tor!“ übersetzt das kostenlose Internetprogramm Babelfish mit „There stand I now, I poor gates!“. Im Englischen bedeutet „gates“ Tore, Sperren, Pforten oder Gatter. Nicht aber, was Goethe ausdrücken wollte, nämlich der Umnebelte, Verwirrte. Als solcher bleibt denn auch häufig der Nutzer zurück. Ursache dafür ist das Problem nahezu aller Programme: Sie können keine Zusammenhänge erfassen, deshalb sind die übersetzten Texte nicht selten fehlerhaft, manchmal gänzlich unverständlich.
Dass die Ergebnisse von kostenlosen Übersetzungsprogrammen häufig unfreiwillig erheiternd bis schlicht unverständlich ausfallen, ist bekannt. Wie aber sieht es mit Übersetzungsprogrammen aus, für die der Anwender zahlen muss? Systran, Metal, Logos, Transcend, Globalink Power Translator, Globdisk Translation Assistant: Die Auswahl ist groß. Als eines der besten Übersetzungsprogramme auf dem Markt gilt der „Personal Translator 2006“ der Firma „linguatec Sprachtechnologien“ aus München.
Neuronaler Transfer
Die aktuellen Versionen des Personal Translators arbeiten als erstes und bisher einziges Übersetzungsprogramm mit einem so genannten neuronalen Transfer. „Wörter, die mehrere Bedeutungen haben, schaut sich die Software im Sinnzusammenhang an und setzt das passende deutsche Wort dazu ein. So arbeitet auch das menschliche Gehirn“, erklärt linguatec-Sprecherin Elisabeth Bauer.
Wenn das Programm zum Beispiel „Gericht“ ins Englische übersetzen soll, prüft es satzübergreifend. Findet es Wörter wie „Anwalt“, „Justiz“ oder „Richter“, wird es Gericht mit „court“ übersetzen. Stößt es bei der Analyse aber auf Wörter wie „Gewürze“, „Nudeln“, „Salz“, übersetzt der Personal Translator das Wort mit „dish“. So geht das Programm bei zahlreichen weiteren Wörtern vor, wie zum Beispiel „Schloss“, das entweder mit „castle“ oder mit „lock“ übersetzt werden kann - je nachdem, ob es im Zusammenhang mit „Prinz“, „Burggraben“, „Königskrone“ oder „Schlüssel“, „aufsperren“ im Text auftaucht. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Stuttgart) hat den Personal Translator getestet und bescheinigt Nutzern eine Zeitersparnis von durchschnittlich rund 40 Prozent gegenüber Übersetzern, die nur ein Wörterbuch verwenden. Den so genannten neuronalen Transfer hat das Unternehmen inzwischen zum Patent angemeldet. Für seine früheren Sprachtechtechnologie-Entwicklungen ist linguatec von der Europäischen Kommission bereits dreimal mit dem Preis für innovative Informations-Technologie ausgezeichnet worden.
Trotz des großen Lobes, das der Personal Translator 2006 von Experten und Anwendern erhalten hat, brauchen sich Übersetzer C. Martin Dunne und seine Kollegen keine allzu großen Sorgen zu machen. Auch linguatec-Sprecherin Elisabeth Bauer sagt: „Der Computer wird niemals den Menschen ersetzen können, aber als ein nützliches Werkzeug kann er ihm bei seiner täglichen Arbeit helfen.“ Dem stimmen auch Informatik- und Linguistik-Experten zu. Ein perfektes Übersetzungsprogramm wird es wohl nie geben. „Dafür reiche künstliche Intelligenz nicht aus, der Computer braucht dazu einen Geist“, so Prof. Dr. Henning Lobin. Wer soll ihm den einhauchen?
Das Unternehmen medax wurde 1957 als „Medizinischer Sprachendienst“ gegründet und hat sich auf die Übersetzungen medizinischer und pharmazeutischer Texte spezialisiert. Seit 1991 führt C. Martin Dunne die Geschäfte im bayerischen Olching. Pro Monat bearbeiten die Mitarbeiter rund 250 Übersetzungs-Aufträge in diverse Sprachen. Neben den insgesamt sieben festen Mitarbeitern kümmern sich rund 300 freie Mitarbeiter um die Kundenwünsche. Nahezu sämtliche Übersetzer sind Ärzte oder Pharmazeuten. 2005 wurde ein Ableger des Unternehmens in der französischen Hauptstadt Paris eröffnet.
Quelle: bayern-nachrichten.de / pressbot.net
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26.05.2006 - 0:00 Quelle: pressbot.net | Gelesen: 502 X